Testverfahren

Um dem vorliegenden Material gerecht zu werden, um es möglichst allseitig empirisch-pädagogisch zu erfassen, kann und darf die Erschließungs- und Auswertungsweise nicht starr an einer Methode allein orientiert sein. Das zur Untersuchung, zur Beschreibung, Analyse und Beurteilung anstehende Material erlaubt und erfordert die Nutzung verschiedener Zugangsweisen, wobei wir auch auf Hilfen und Methoden der Nachbarwissenschaften angewiesen sind. Immer ist jedoch zu bedenken, dass z.B. mit noch so verfeinerten statistischen Verfahren, mit soziologischen und psychologischen Methoden – etwa mit Hilfe von Soziogrammen, isolierten Experimenten und Tests spezifisch pädagogische Belange, situationsabhängige Geschehensabläufe, Bildungs- und Erziehungsprozesse häufig überhaupt nicht, meistens nur teilweise oder bruchstückhaft und verzerrt erfasst werden.

Hierin dürften auch Ursachen zu sehen sein für das “Dilemma der Lerntheorien” (Foppa) und die eigentlich pädagogische Unfruchtbarkeit lernpsychologischer Forschungen. Schon gar nicht lässt sich das Ganze eines pädagogischen Wirklichkeitsbereiches rein auf soziologischem oder psychologischem Wege erschließen.

Die in Giessen im Anschluss an Peter Petersens “Pädagogische Tatsachenforschung” von Petersens Schüler, Assistent und Nachfolger Hans Mieskes fortgeführte und weiterentwickelte “Pädagogische Grundlagenforschung” versteht sich als Situations-, Führungs- und Wirklichkeitsforschung. Aus ihr ging die Wissenschaft von den Pädotropika hervor, zu der die Spiel- und Arbeitsmittelforschung gehört, deren Sinn und Zweck es ist, das einzelne Objekt in seiner pädagogisch relevanten Vielschichtigkeit, Einheit und Ganzheit im Bezugssystem der pädagogischen Situation zu erfassen. Durch diese bisher keineswegs abgeschlossene Forschung konnte, ausgehend vom Gegenstandsgebiet “Spielmittel” , das Gesamtgebiet der Pädotropika erschlossen werden. Sie führte in einem ersten Stadium zu der Fundamentalerkenntnis, dass alle Mittel in gleicher Weise gekennzeichnet sind durch ihre “pädotrope Funktionalität” (Mieskes), d. h. durch ihre spezifisch pädagogische Eignung bzw. Wirkfähigkeit, die sich innerhalb des pädagogischen Vollzugsgeschehens in vielfältiger Weise in konkreten. Situationen entfaltet. H. Mieskes vermochte das innere Bedingungsgefüge weiter aufzudecken. Nach seinen Ergebnissen erklärt sich die pädagogische Funktionalität als “integrale Einheit dreier Grundgegebenheiten: der pädagogischen Potenz des Pädotropikums, seiner Modalität und seiner Praktikabilität”.

Haben wir in der “pädotropen Funktion” das Zentralprinzip aller Mittel mit der “pädagogischen Funktionalität” das Hauptbeschreibungskriterium und mit den Funktionsgegebenheiten “pädagogische Potenz”, “Modalität” (“Materialität”) und “Praktikabilität” drei ihrer deskriptiven Grundkategorien, so ist damit der Erfassungsrahmen abgesteckt und der Weg frei zur Feinbeschreibung der Binnenstruktur. Die Feinbeschreibung erfolgte anhand der in Giessen entwickelten “Skala der Kriterien” (Fußnote 103).

Die Kriterien-Skala wurde zugrundegelegt bei der Auswahl der Stichprobe, sie war Orientierungshilfe bei der Planung, Durchführung und Gliederung der Untersuchung und lieferte auch Anhaltspunkte zur Auswertung der Ergebnisse. Ihrer bedienten wir uns als Raster für die Feinbeschreibungen der Struktur- und Funktionsgegebenheiten, die in Form von ausführlichen Objekt-Analysen schriftlich durchgeführt wurden und deren Ergebnisse sich in dieser Arbeit in der jeweils erfolgten Querauswertung niederschlagen. Das hier verarbeitete Gegenstandswissen basiert hauptsächlich auf den 125 bzw. 156 vorausgegangenen SpM/AM-Objektanalysen. Mit der Überprüfungs- und Erprobungsebene der Mittel ist zugleich die absolute Grenze dieser Arbeit angezeigt. Bei der vorliegenden Untersuchung handelt es sich weniger bzw. nur in geringem Ausmaß um eine Erprobung auf situativer Ebene, die vorwiegend in Teamarbeit zu leisten wäre, als vielmehr um eine Erprobung auf intramaterieller Ebene.

Bezüglich der Art des Messens bedienen wir uns der Grundoperationen des Registrierens (auch “dichotomes Registrieren”, wobei alle Objekte auf das Vorhandensein oder Fehlen bestimmter Merkmale hin untersucht werden), des Ordnens (nach Häufigkeiten, Größe, Zu- und Abnahme usw.) und des Vergleichens. Diese Grundformen spielen bei allen quantitativen und qualitativen Auswertungen eine entscheidende Rolle 104).

Zur Verbesserung der Reliabilität von Beobachtungen arbeiten wir auch mit “rating scales”, anhand derer Beobachtungseinheiten eingestuft und bewertet werden. Eine solche Beurteilungsskala, abgestuft z.B. nach Intensitätsgraden, liegt zugrunde bei der Erfassung der funktionalen, variablen Größe “Aufforderungscharakter”.

Mit besonderen methodischen Schwierigkeiten verbunden ist die angemessene Berücksichtigung und Erfassung der Dimension “Farbe”. Allgemeinverbindliche Farbenordnungen und Farbtonbestimmungen liegen bis heute nicht vor. Von den zahlreichen, gegenwärtig gebräuchlichen Farbskalen wurde als Grundlage für Farbbestimmungen und Farbtonvergleiche bei Verpackungen, Vorlagen, Inhalten und Anleitungen, deren Farben innerhalb eines Artikels übereinstimmen
sollten, der “HKS-Entwurfsfächer” gewählt. Die zwei Reihen umfassenden, jeweils sechsfach unterteilten “HKS”-Bögen mit Mischrezepten – eine Gemeinschaftsproduktion dreier großer deutscher Farbenfabriken 105) – tragen die Nummern 1-99 und enthalten innerhalb der HKS-Reihe “K” für Kunstprodukte die gleichen Farbnuancen wie die Reihe “N” für Naturprodukte.

Die vielfach geprüften und für die verschiedensten Materialien geeigneten Farben dieser Firmen zeichnen sich aus durch ihre Farbkonstanz und Deckkraft sowie durch ihren hohen Grad an Lichtechtheit. Die Berücksichtigung des “Purkinjeschen Phänomens, 106) kann bei unseren Beobachtungen vernachlässigt werden. Es spielt so
gut wie keine Rolle, da die Betrachtungen, Bestimmungen und Vergleiche der Farben stets bei Tageslicht vorgenommen wurden.

Die Auswertungsart ist variabel, je nach Material, Dimension und Merkmal. Die Auswertung erfolgt sowohl beschreibend (deskriptiv) und darstellend (phänomenologisch) als auch logisch-begrifflich, kategoriell und numerisch-statistisch. Die quantitativen Auswertungen z.B. der materialen Dimensionen “Größe”, “Gewicht” und “Preis” erlauben und erfordern die Einbeziehung mathematisch statistischer Verfahren. Dabei werden nicht nur primäre und sekundäre Häufigkeitsverteilungen sowie kumulative Prozentangaben errechnet und dargestellt, sondern auch allgemeine und spezielle Gruppeneigentümlichkeiten durch die Heraushebung der Durchschnittsmaße (“mode”, “mean” , “median”) und der Streuungswerte (“range”, “variance”, “standard deviation”) ermittelt. Die anfallenden Daten und Fakten werden dadurch besser geordnet und beschrieben, sodadd die Merkmale zweckmäßiger untersucht werden können und Vergleiche, Tendenzaussagen und Verallgemeinerungen möglich sind.

Das in der vorliegenden Untersuchung verarbeitete Gegenstandswissen über “Didaktische Materialien” und “Lernspiele” im Übergangsbereich Kindergarten/Grundschule stützt sich auch auf insgesamt 14 Fa11studien. Dabei handelt es sich um teils sehr aufwendige und umfangreiche Untersuchungen 107), die am EWS/IPF der Universität in Giessen im Rahmen eines empirisch-pädagogischen Praktikums, dem ein “Beobachtungspraktikum” mit einer Einweisung in die Technik der Protokollation vorausgeht, durchgeführt wurde. Einen Überblick gibt folgende Tabelle:

Hier Tabelle

Der Gesamtablauf einer solchen Untersuchung umfasst drei Phasen:

1. die vorbereitende Phase (die freie Spiel-Lern-Situation, die erste Kontaktaufnahme und die Erstkonfrontation des Kindes mit dem Mittel),
2. die Haupt-Untersuchungsphase und
3. die Phase der Kontrolluntersuchungen.

Richtungsweisend für die Vorbereitung der praktischen Spiel- bzw. Untersuchungssituation waren auch hier u. a. die Ergebnisse der vorausgegangenen subjektiven Objektanalyse. Es wurde sodann ein sogenannter Rahmenplan erstellt, der die Gegebenheiten und Untersuchungsbedingungen kennzeichnete, die Abfolge, das methodische Vorgehen, die notwendigen Führungshilfen und -schritte vorbereitete und markierte. Bei der Vorbereitung und Gestaltung der Situationen wurde größter Wert darauf gelegt, dass

– die Verfahrensweise immer variabel gehandhabt wurde,
– den verbalen, faktitiven und Verhaltens-Formen der Führung nicht normativer Charakter, sondern nur regulative Bedeutung zukam und
– die Situation stets als ein natürliches Ganzes erhalten blieb.

Die vorliegenden 14 Fallstudien – wie aus obiger Tabelle zu entnehmen ist – gründen vorwiegend auf der empirischen Methode der” aktiv-teilnehmenden Beobachtung” 108). Die einzelnen Untersuchungsleiter(innen) waren dabei sowohl verantwortlich für die Situationsgestaltung und pädagogische Führung als auch für die Protokollation und deren Querauswertung. Von den insgesamt 193 Sitzungen waren rund zwei Drittel Individualsituationen, ein Drittel Sozialsituationen.

Es sei hier noch darauf hingewiesen, dass. zu dieser Arbeit weit mehr Material aus der analysierten Stichprobe vorlag als letztlich im folgenden Hauptteil B der systematischen Kapitel I – IV (“Ergebnisse der Untersuchung und ihre Auswertung”) aufgenommen und dargestellt werden konnte. Die Fülle der anfallenden Tatbestände und Daten sowie die Vielfalt der auseinanderzufaltenden Sachverhalte machten bei einer derartig breiten Grundlage von 125 bzw. 156 vorausgegangenen detaillierten SpM/AM-Objektanalysen immer wieder Beschränkungen, Eingrenzungen und Straffungen (Zusammenschlüsse) notwendig, wobei oft auf die Angaben noch differenzierterer Teil-Aspekte und Einzelergebnisse verzichtet werden musste. Dies gilt insbesondere für die einzelnen Abschnitte der Kapitel 11 – IV. Verwiesen sei diesbezüglich auch auf die Anmerkungen, die verschiedentlich weitere Differenzierungen, aber auch Belege, Einschränkungen und Erklärungen enthalten.

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