Wie funktioniert frühkindliche Bildung?

Um diese Frage zu klären bedarf es eines Blicks in verschiedene pädagogische Ansätze und in die Forschungsergebnisse der Neurobiologie. Nur so kann geklärt werden, was Bildung im Allgemeinen definiert und wann frühkindliche Bildung tatsächlich beginnt. Dabei bietet es sich an, sich auf die Ausarbeiten von 2014 von Gerd Schäfer zu berufen.

 

Der frühe Bildungsbegriff

Schäfer bezieht sich in seinen Ausführung auf die pädagogischen Ansätze Humboldts, Fröbels, Montessoris und weiterer. Beim Bildungsbegriff von Humboldt steht im Mittelpunkt, dass Bildung im Allgemeinen etwas ist, was der Mensch ohne Hilfe der Umwelt selbst verwirklichen muss. Jedoch kann dies eben nur anhand der Auseinandersetzung mit der kulturellen Welt geschehen. Schäfer beschreibt Bildung dann folgendermaßen:

„Bildung hat einen umfassenden Anspruch. Sie integriert Handeln, Denken, Wissenschaft und Kunst oder Können, Wissen und Ästhetik“ (Schäfer 2014: 14). 

Bei Fröbel wird gleichsam die Selbstständigkeit des Lernenden betont, jedoch zudem die Bedeutung von Erzieherin und Mutter hervorgehoben, da eben diese Rollen eine Vorbildfunktion auf das Kind ausüben. Fröbel prägt einige weitere Begriffe für die Bildungsdiskussion. Hierbei besonders wichtig zu erwähnen ist, dass er erstmals die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Mutter- und Koseliedern ausformulierte, was bis heute bedeutsam ist. So kann das Bildungsverständnis von Montessori eine Erweiterung dessen begriffen werden, was Fröbel ebenso in Betracht zieht. Auch hier steht die Selbstbestimmung im Vordergrund. Dabei ist die Aneignung von Bildung ein Prozess, den das Kind selbstständig durchläuft. Hierbei stellte Maria Montessori Spiel- und Lernmaterialien zur Verfügung, welche eben diesen Prozess fördern sollen.

 

Ab den Bildungsreformen der 1970er Jahre

Grundlegende Gedanken hinsichtlich der Bildung sortieren sich insbesondere in den 1970er Jahren in Form der Bildungsreformen neu. Erst durch das Aufzeigen der sozialen Ungerechtigkeit im Bildungswesen, werden Strukturen und Prozesse umfassend hinterfragt. Soziale Ungerechtigkeit meint hierbei die Vernachlässigung benachteiligter Kinder und die ungenutzte Zeit in der frühkindlichen Bildung. Gerade die Entwicklungspsychologie macht ab nun Forschungsergebnisse für die frühkindliche Bildung nutzbar.

Dabei können zwei Situationsansätze herausgehoben werden, welche die Bildung vornehmlich als sozialen Prozess verstehen. Es werden unterschieden der Situationsansatz des deutschen Jugendinstituts und der situationsbezogene Ansatz aus Nordrhein-Westfalen. Bei ersterem wird die Anpassung des Kindes an die Umwelt beschrieben und bei letzterem der Aspekt in Bezug auf Piaget und Bronfenbrenner, dass ein Kind nicht von bestimmten vorherrschenden Gegebenheiten (vgl. Zimmer 1985 und Militzer et. al 1999).

Auch die Reggiopädagogik kann in diesem Zusammenhang genannt werden. Diese beschreibt die Selbstkonstruktion, soziale Konstruktion und die daraus resultierende Weltkonstruktion. Die Selbstkonstruktion meint, dass die Kinder ihre Umwelt eigenständig erforschen und entdecken. Die soziale Konstruktion meint, dass die Kinder obgleich ihrer Selbstständigkeit nur aufgrund der Interaktion mit anderen Menschen einen Bildungsprozess durchlaufen bzw. der Bildungsprozess zwangsläufig als ein soziales Phänomen erscheint. Aus beiden Konstruktionen resultiert die Weltkonstruktion, welche den sich ständig ändernden Aufbau der Welt beschreibt.

 

Bildung als neue Aufgabe

Nimmt man diese Bildungsverständnis ernst, gilt es – so Schäfer – Kinder im Bildungsprozess nicht nur als Allgemeinkinder zu verstehen, sondern in ihrer Vielfalt und wissenschaftlich nicht einholbaren Individualität. Sicherlich kann die Heterogenität in Lerngruppen wissenschaftlich heute immer noch nicht trennscharf abgebildet werden, jedoch erheben viele wissenschaftliche Arbeiten diesen Anspruch auch nicht. Jedoch formuliert Schäfer auf dieser Grundlage eine Leitfrage, die wie die Grundlage von funktionierenden Gesellschaften gelesen werden kann: Wie lässt sich die individuelle Vielfalt so synchronisieren, dass sie nicht in soziale Isolation führt (S. 22). Im Grunde vertritt Schäfer dabei die Ansicht, dass es notwendig ist, die Selbstkonstruktion und soziale Konstruktion aufeinander anzupassen, sodass sich Kinder individuell entwickeln können, jedoch unter Beachtung der Interessenlagen der Gesellschaft.

 

Das Kind als Akteur seiner Entwicklung

Also wird im Bildungsbegriff dem pädagogischen Verständnis Ausdruck verliehen, indem die persönlichen Erfahrungswerte des Kindes einbezogen werden und nicht ausschließlich die Ansichten des Erziehenden ausschlaggebend sind. Diese Bildungsbegriff fußt auf den Einflüssen des reformpädagogischen Denkens, der Psychologie Piagets und der psychoanalytischen Pädagogik. Insbesondere wird hierbei das Spiel als wichtiger Bildungsprozess verstanden. Zudem wird der Bildungsprozess gleichzeitig als Beziehungsprozess begriffen. Ein Prozess also, welcher den Bezug zwischen dem Kind selbst und seiner Umwelt darstellt. Das Kind wird demnach vor Herausforderungen gestellt, welche es eigenständig bewältigen kann bzw. muss.

 

Neurobiologische Forschungsergebnisse

Bei der Geburt ergibt sich Bildung aus den Sinnen der Neugeborenen und der damit in Zusammenhang stehende Fähigkeit zu beobachten. Beispielsweise können Kinder nach der Geburt bereits auf hohem Niveau Riechen und Schmecken. Selbst Hören und Sehen funktionieren defakto uneingeschränkt. Schäfer prägt in diesem Zusammenhang die Bezeichnung ‘Lernen durch Einschränkung’ (S. 29). Dies erklärt sich nach ihm dadurch, dass der Mensch offensichtlich mit vielen Synapsen und Nervenverbindungen in den sinnlichen Zentren des Gehirns geboren wird. Die notwendigen Nervenverbindungen werden in der Folge in Anspruch genommen und diejenigen, welche nicht gebraucht werden, sterben ab. So lernen die Neugeborenen bereits automatisch durch diese Einschränkung.

Des Weiteren spielen emotionale Erfahrungen eine wichtige Rolle. Ohne eben diese ist die Entscheidungsfähigkeit eines Menschen eingeschränkt. Besonders frühe Erfahrungen spielen hierbei eine wichtige Rolle, da die Erfahrungen in den ersten Lebensjahren bedeutenden Einfluss auf die Weltanschauung des Kindes haben. Eine erste Schlussfolgerung lautet dann eben nicht: Kinder sind unterfordert und bedürfen einer umfassenden Frühförderung. Vielmehr ist die soziale Umwelt so zu gestalten, dass sich Kindern in einer vielfältigen und kinderfreundlichen Umgebung wiederfinden. Darüber hinaus sollten Kinder als Lernende von Geburt an begriffen werden, die von Natur aus über die Dispositionen verfügen, ihre gegebene Umwelt zu erforschen. Zudem lässt sich diesbezüglich eine Grundregel feststellen: je jünger ein Kind ist, desto individueller strukturiert sich seine (Lern-)Erfahrung.

 

Das Recht auf Bildung

Insgesamt bedarf es für frühkindliche Bildung der Interaktion von Kindern und Erwachsenen, die sich gegenseitig zuhören, aufeinander reagieren, Vorschläge einbringen, sie gemeinsam prüfen und die Ergebnisse immer wieder verändern müssen. Bildungsinstitutionen sind dazu angehalten dieses gemeinsame Forschen und die kindliche Neugier herauszufordern und zu unterstützen. In einer solchen Umgebung kann Bildung bereits mit der Geburt beginnen und die Eltern übernehmen dann die Funktion der ersten Partner im kindlichen Bildungsprozess. Diese elterlichen Partner werden in der Regel in der Folge (teil-)ersetzt durch die Erzieherinnen und Erzieher in Krippen und Kindergärten. Bildungsinstitutionen müssten in einem solchen Arrangement auch nicht länger als Schreckgespenster verstanden werden, vor denen Kinder beschützt werden müssen, sondern die man ihnen (neidlos oder neidvoll) gönnen sollte. “So gesehen haben Kinder ein Recht auf Bildung ab der Geburt“ (S. 39f.). Kommt man also auf die Ausgangsfrage zurück, kann man feststellen, dass frühkindliche Bildung tatsächlich mit der Geburt beginnen kann, insofern die benannten Aspekte berücksichtigt werden.

 

Quellen

  • Schäfer, Gerd E. (2014): Was ist frühkindliche Bildung? Kindlicher Anfängergeist in einer Kultur des Lernens, 2. Auflage, Weinheim: Beltz Juventa, S. 13-40.
  • Zimmer, Jürgen (1985): Der Situationsansatz als Bezugsrahmen der Kindergartenreform, in: Enzyklopädie Erziehungswissenschaft. Bd. 6, Erziehung in früher Kindheit. Stuttgart, S. 21–38.
  • Militzer, Renate/Demandewitz, Helga/ Solbach, Regina (1999): Tausend Situationen und mehr! Münster.

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